31. März 2016 · Kommentare deaktiviert für Flüchtlinge in Istanbul: „Wie kann Angela Merkel uns das antun?“ · Kategorien: Europa, Türkei · Tags:

Quelle: Zeit Online

Geschätzte 400.000 geflüchtete Syrer leben in Istanbul. Ohne Perspektive sind sie weitgehend sich selbst überlassen. Und fürchten den Deal zwischen der EU und der Türkei.

Von Çiğdem Akyol, Istanbul

Auf seinem Handy hat Kalil ein Foto von seinem besten Freund Rafaat. Es zeigt den 16-jährige Syrer, wie er in der Münchner Allianz Arena den FC Bayern anfeuert. Rafaat hat die Vereinsfarben auf seine Wange gemalt und lacht. Kalil schaut traurig auf das Bild, und sagt mit leiser Stimme: „Die Europäer können sich abschotten, so sehr sie wollen, ich werde es trotzdem irgendwie zu meinem Freund nach Deutschland schaffen.“

Der 15-jährige Syrer, der seinen Nachnamen nicht nennen will, steht in einem Restaurant im Istanbuler Stadtteil Aksaray, in der Murat-Paşa-Straße. Sie liegt auf der europäischen Seite der Megametropole und wird Klein-Damaskus genannt. Denn hier, nur fünfzehn Fahrminuten vom weltberühmten Taksim-Platz entfernt, ist alles fest in syrischer Hand. Die Schilder sind in syrischem Arabisch verfasst. Ein syrisches Geschäft reiht sich an das nächste: Süßwarenhändler, Obstverkäufer, Friseursalons oder Buchhandlungen. Es ist eine Straße, die auch in Kalils Heimatstadt Aleppo liegen könnte – nur dass hier allerorts neben der syrischen Flagge auch die türkische hängt.

Es ist Mittagszeit, die meisten Gäste sind gerade gegangen. Kalil räumt die Tische frei. Er ist flink, drahtig, seine kurzen schwarzen Haare und sein Jogginganzug sehen jedoch ein wenig verwahrlost aus. Vor zwei Jahren, nachdem seine Eltern in den Kriegswirren umgekommen waren, seien er und sein Freund – ein Vollwaise wie er – alleine hierher gekommen, sagt er. Der Jugendliche spricht kaum Türkisch. „Ich habe keine Zeit, in eine Schule zu gehen“, erklärt er verlegen. Rafaat habe es hingegen mit Hilfe von Schleusern bis nach Deutschland geschafft. Nun halten sie per Internet den Kontakt.
„Wie kann Angela Merkel uns das antun?“

Mitten im Restaurant, mit leergetrunkenen Wasserflaschen und dreckigen Tellern in den Händen, dankt Kalil Gott, denn es war die erste Reise seines Lebens und er ist vorerst angekommen. Bald will er jedoch weiter in die Bundesrepublik, weil er hier keine Zukunft habe. Dann versenkt er die Hände in seiner Hosentasche, lächelt viel. Es ist die Schutzmaske eines hilflosen Menschen. Er sagt, dass er oft weine. „Wie kann Angela Merkel uns das antun?“, fragt er mit verzweifeltem Blick.

Kalils Anklage richtet sich gegen den vor rund drei Wochen verabschiedeten Flüchtlingspakt zwischen der EU und Ankara, der am Montag in Kraft tritt. Der sieht vor, dass Flüchtlinge, die ab dem 20. März illegal von der Türkei nach Griechenland übergesetzt sind, fortan zwangsweise zurückgebracht werden können. Der Pakt soll die Geschäfte der Schleuser erschweren und die illegale Migration beenden. Nach dem 4. April soll dann die Umsiedlung von bis zu 72.000 syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen aus der Türkei nach Europa beginnen. Die Grenzschließungen zeigen erste Wirkungen: So haben laut dem griechischen Flüchtlingskrisenstab von Sonntag auf Montag lediglich 232 Flüchtlinge von der türkischen Küste nach Griechenland übergesetzt. Noch im Februar nahmen pro Tag durchschnittlich 2.100 Menschen diesen Weg.

Alles ist besser als die Perspektivlosigkeit

Mehr als zwei Millionen syrische Flüchtlinge sind bisher in der Türkei untergekommen. Geschätzte 400.000 davon leben alleine in Istanbul. Den Schutzsuchenden werden in der Türkei kaum Perspektiven geboten, die Flüchtlinge werden weitgehend sich selbst überlassen. Die Regierung hatte mehrfach angekündigt, den Arbeitsmarkt offiziell für Flüchtlinge zu öffnen – doch noch immer erhalten sie keine Arbeitserlaubnis.

In Klein-Damaskus wollen sich die Entkommenen nicht von der Ungewissheit zermürben lassen. In einem Reisebüro neben dem Restaurant, in dem Kalil arbeitet, sitzt Nawar Omari und wartet auf Kundschaft. Der 29-Jährige mit dem dichten schwarzen Bart, den wachen Augen und den zitternden Raucherhänden kommt aus Aleppo. Vor vier Jahren hatte er sich zu Fuß mit seiner Frau und dem Sohn nach Istanbul gerettet. Nun leben sie zu dritt in einem kleinen Zimmer über dem Reisebüro. Ja, er sei der Türkei dankbar, sagt er, aber dennoch wolle die Familie weg.

Mein Kind soll in einem friedlichen Land leben. Hier ist doch nur die Unsicherheit sicher, sagt Omari, hinter dem eine eingeschweißte Europakarte an der Wand hängt, auf der die Wege so kurz aussehen. Den Geschichten, dass Deutschland Flüchtlinge willkommen heiße, glaubt er schon lange nicht mehr. „Trotzdem, alles ist besser als diese Perspektivlosigkeit. Wir finden einen Weg nach Europa, ob legal oder illegal“, sagt der Familienvater.

„Ich will einen richtigen Job“

Es wird dunkel in der Murat-Paşa-Straße. Auch Hatem Zardi wartet auf Kundschaft. Der 22-Jährige studierte in Damaskus Sport, seit einem Jahr arbeitet er hier als Schuhputzer. Er spart sein Geld für eine Überfahrt nach Griechenland. Warum? „Ich will einen richtigen Job“, sagt er auf einem kleinen Hocker sitzend. „Ich will ein normales Leben, die Türkei versinkt doch gerade im Chaos.“ Dann steht er auf, er stemmt seine Beine auf den Boden, sein Blick wandert die Straße entlang. „Niemand kann von uns erwarten, dass wir hier ausharren“, sagt er wütend. „Auch wenn sich Europa nicht um Menschenrechte kümmert, wir sind Menschen und wir lassen uns nicht davon abhalten, unsere Rechte einzufordern!“

Rasha Sabbagh zustimmt ihm vorbehaltlos zu. Die Mathematikerin kam vor vier Jahren aus dem syrischen Homs nach Istanbul, und verdient ihr Geld nun in Klein-Damaskus mit dem Verkauf von Textilien. Auch ihr Ziel ist Europa. Welchen Weg sie nehmen will? Ich werde wohl im Frühling in ein Schlauchboot steigen und einfach hoffen, dass mich irgendwer aufnimmt, sagt die 31-Jährige. Kein Pakt, kein Gesetz, kein Grenzzaun kann sie aufhalten. „Ich träume nachts vom Frieden“, sagt sie und zieht an einer Zigarette. Und den finde sie in der Türkei nicht.

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