Quelle: FAZ
Hunderte Flüchtlinge kommen jeden Tag über die sogenannte Brennerroute nach Deutschland. Nicht nur Italien lässt sie gerne passieren – auch die österreichische Polizei hält sich mit Kontrollen auffallend zurück.
von Julian Staib
Zögerlich steigen nach und nach Passagiere aus dem Zug. Argwöhnisch manche, verschlafen viele. Neun Stunden Fahrt aus Rom liegen hinter ihnen. Einige tragen kleine Kinder auf dem Arm. Viele haben einen Rucksack, manche nur eine Bauchtasche dabei. Rund 90 Flüchtlinge sind es, die sich im Morgenlicht auf dem Bahnsteig in Bozen versammeln. Ein Bild, das sich zurzeit allmorgendlich wiederholt. Am Bahnsteig erwarten sie ein paar Leute mit blauer Weste, „Aid Worker“ steht darauf, sie verteilen Reinigungstücher und lotsen die Flüchtlinge über das Bahnhofsgelände bis zu einem Eingang. Dort hängt ein Zettel: „Willkommen“ in vielen Sprachen. Drinnen ist auf Plastiktellern Essen vorbereitet, nebenan Toiletten, eine Kleiderkammer, ein Raum für notdürftige medizinische Behandlungen, an einer Wand Zettel mit Symbolen darauf: durstig, hungrig, müde, aber auch: Brustschmerzen, Schwangerschaft, Schwindel. Die Flüchtlinge sitzen in dem großen Raum, es ist merkwürdig still. Sie essen Kekse, Thunfisch und Brötchen, waschen sich kurz. Ihre Jacken haben die meisten angelassen. Sie bleiben nicht lange. Eine Stunde höchstens.
Weiterlesen »