21. Juli 2017 · Kommentare deaktiviert für „Willkommenskultur“: Wie Medien über die Flüchtlingskrise berichteten · Kategorien: Deutschland, Medien

FAZ | 21.07.2017

Krisenberichterstattung: Eine Studie der Otto Brenner Stiftung schlüsselt auf, wie Tageszeitungen und Onlinemedien mit der Flüchtlingskrise umgegangen sind. Das Fazit ist eindeutig.

von URSULA SCHEER

Was bleibt von der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise, die im Frühjahr 2015 in Deutschland die Griechenland-Rettung als mediales Megathema ablöste und bis weit ins Jahr 2016 hinein die Nachrichten beherrschte? Bilder von überfüllten Booten und aus dem Lager Idomeni; das Foto eines ertrunkenen Flüchtlingsjungen an einem türkischen Strand und das Video fremdenfeindlicher Attacken auf einen Bus mit Flüchtlingen in Clausnitz; Angela Merkels Selfie mit einem Flüchtling in Berlin, Aufnahmen von Menschen, die am Münchner Hauptbahnhof Neuankömmlingen „Welcome“-Plakate entgegenstreckten; dann Bilder der Kölner Silvesternacht – und um solche Presseaufnahmen herum eine unübersehbare Flut von Nachrichten und Kommentaren?

Die bislang umfassendste wissenschaftliche Studie, die sich mit der Rolle der deutschen Medien während der Hochphase des Flüchtlingszustroms beschäftigt, zieht im Rückblick ein ernüchterndes Fazit. Journalisten seien ihrer Rolle als Aufklärer nicht gerecht geworden, resümiert der Studienleiter Michael Haller. Statt kritisch zu berichten, habe der „Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite“ übernommen und sei selbst mehr als politischer Akteur denn als neutraler Beobachter aufgetreten. Sorgen und Ängste der Bevölkerung seien hinter der großen Erzählung von der „Willkommenskultur“ fast völlig zurückgedrängt, Andersdenkende seien diskursiv ausgegrenzt worden. Haller geht davon aus, dass dies eine „Frontbildung“ in der Gesellschaft befördert habe. Erst nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht 2015 „entdeckten die Medien die reale Wirklichkeit hinter der wohlklingenden Willkommensrhetorik“.

Die große Erzählung von der „Willkommenskultur“

Michael Haller, ist wissenschaftlicher Direktor des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung. Für die von der Otto Brenner Stiftung in Auftrag gegebene Studie „Die ,Flüchtlingskrise‘ in den Medien, Tagesaktueller Journalismus zwischen Meinung und Information“ untersuchte er mit seinem Forscherteam an der Hamburg Media School mehr als 30.000 Medienberichte, die zwischen Februar 2015 und März 2016 publiziert wurden. Ausgewertet haben die Forscher Veröffentlichungen in überregionalen Tageszeitungen – in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Welt“ sowie der „Bild“-Zeitung –, in Online-Medien (focus.de, tagesschau.de, „Spiegel Online“) und in 85 Lokal- und Regionalzeitungen. Die Rolle von Wochenzeitungen und Fernsehsendern (außer die des Internet-Ablegers der ARD-Nachrichten) beleuchtet die Untersuchung nicht.

Schon für das erste Halbjahr 2015 konstatiert Haller einen Überfluss an Beiträgen zur Flüchtlingsthematik in den Onlinemedien. Im Sommer des Jahres steigerte sich die Zahl der entsprechenden Texte auf eine durchschnittliche Menge von siebzehn Beiträgen pro Tag bei den ausgewerteten Websites. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise zählt Haller in einzelnen Zeitungen durchschnittlich sieben Artikel zum Thema.

Haller vermutet, dass auf diese Weise bereits früh eine „Themenverdrossenheit“ unter den Lesern entstanden sein könnte, was eine selektive, den jeweils eigenen Vorurteilen folgende Wahrnehmung befördert habe: hier die Ertrinkenden, da die zerstrittenen EU-Politiker, dort das fremdenfeindliche „Dunkeldeutschland“.

Parallel dazu habe das Narrativ der „Willkommenskultur“ sich medial ausgebreitet. Die Studie analysiert es schwerpunktmäßig in der Lokal- und Regionalpresse. Dort sei man vielfach einer „persuasiven Logik“ gefolgt – auch mit Blick auf einen erhofften wirtschaftlichen Nutzen von den Flüchtlingen. Die überregionalen Medien hätten die „Willkommenskultur“ moralisch aufgeladen. Insgesamt sei in annähernd 83 Prozent der ausgewerteten Beiträge in lokalen und regionalen Tageszeitungen „Willkommenskultur“ als positives Leitbild gezeichnet worden. Bedenkenträger, so die Studie, kamen selten zu Wort.

Ereignisse wie Krawalle von Flüchtlingsgegnern in Heidenau, AngelaMerkels Diktum „Wir schaffen das“ und die Grenzöffnung im September hätten den Diskurs jeweils befeuert. Für die Berichterstattung der F.A.Z., SZ und „Welt“ diagnostiziert Haller eine Dominanz nachrichtlicher Texte (rund sechzig Prozent). Mehr als ein Viertel der Stücke zum Thema seien kommentierend gewesen. Die Kommentatoren hätten sich vornehmlich mit dem politischen Berlin auseinandersetzten, während Interviews mit Betroffenen oder Experten im Nachrichtenangebot kaum vorgekommen seien (vier Prozent der untersuchten Texte). Auch Reportagen und Vor-Ort-Recherchen, die Ereignisse aus eigener Anschauung hätten beleuchten können, hätten kaum eine Rolle gespielt (sechs Prozent). Diese Schwäche hätten die Lokalredaktionen, deren Stärke die Verwurzelung in der Region ist, überraschenderweise nicht ausgeglichen, sondern ihre Berichterstattung den überregionalen Medien angeglichen.

Helfer, Hilfseinrichtungen und Flüchtlinge kamen kaum zu Wort

Insgesamt seien in  Tagespresse fast ausschließlich Politiker zum Thema zu Wort gekommen, vorzugsweise Akteure auf der Bundesebene, und unter diesen wiederum vorwiegend Vertreter der Regierungsparteien. Helfer, Hilfseinrichtungen und Flüchtlinge hätten kaum Gelegenheit bekommen, sich zu äußern. Was sich für die Bevölkerung als konkretes, lebensweltliches Problem dargestellt habe, sei so medial nach den „üblichen Routinen“ in ein „abstraktes Aushandlungsobjekt der institutionellen Politik“ überführt worden. Auch Korrespondenten hätten sich vornehmlich mit der politischen Elite befasst, statt mit der Flüchtlingsproblematik an sich.

Haller schränkt ein, dass diese Form des „Indexings“ nichts Ungewöhnliches sei, vor allem für überregionale Medien. Er attestiert der  „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ im Vergleich zu anderen überregionalen Tageszeitungen eine kritischere Haltung. In der Gesamtschau aller untersuchten Medien aber hält er fest, dass es zu einer Verengung des Blickwinkels  gekommen sei. Kritik und abweichende Ansichten hätten kaum noch durchdringen können. Erst nach der Silvesternacht 2015 habe der Diskurs sich erweitert – und hätten manche Journalisten den Eindruck vermittelt, sie wollten nun übereifrig nachholen, was sie zuvor versäumt hatten.

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Telepolis | 21.07.2017

Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung über die Berichterstattung zur Hochphase der Ankunft von Migranten sorgt für Aufregung

Thomas Pany

Die Studie mit dem Titel Die „Flüchtlingskrise“ in den Medien. Tagesaktueller Journalismus und Information hat 184 Seiten. Sie ist, wie die auftraggebende Otto Brenner Stiftung heute mitteilt, die bislang umfassendste und methodisch aufwendigste Untersuchung zum Thema.

Die Studie geht erstmals der Berichterstattung zur sogenannten Flüchtlingskrise im Detail nach: Dazu wurden insgesamt weit über 30.000 Medienberichte erfasst – und insbesondere für einen gut zwanzigwöchigen Zeitraum, in dem sich im Jahr 2015 die Ereignisse überschlugen, rund 1.700 Texte analytisch ausgewertet. Im Fokus der innovativen Untersuchung stehen Printleitmedien wie FAZ, SZ, Welt und Bild, über achtzig verschiedene Lokal- und Regionalzeitungen sowie die reichweitestarken Onlinemedien focus.de, tagesschau.de und Spiegel Online.

Aus dem Vorwort der Studie

Zu erkennen ist daran schon zweierlei: Brisanz und Fülle. Die Brisanz stammt von der zentralen Erkenntnis der Studie, die „erhebliche Defizite“ bei der Berichterstattung der Mainstreammedien in der Hochphase der Ankunft zigtausender Flüchtlinge und Migranten ausgemacht hat. Die Journalisten hätten keine neutrale Beobachterrolle eingenommen und mit Schlagseite berichtet, so der Befund, übrigens schon länger bekannt ist (siehe Journalismuskritik: Einseitige Berichterstattung zur Flüchtlingskrise).

Statt als neutrale Beobachter die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten und nachzufragen, übernahm der Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite.

Michael Haller

Die Aufregung, die der Bericht schon vor der Veröffentlichung verursachte, hat die Otto-Brenner-Stiftung nun dazu bewogen, die Studie schon am heutigen Freitag und nicht erst, wie geplant, am kommenden Montag zu veröffentlichen. Die wenigsten Journalisten, einschließlich der Verfasser dieses Beitrags, dürfte die Studie bereits in Gänze gelesen haben.

Man darf also gespannt sein, was die Studie an detaillierten, konkreten Ergebnissen zu Tage gefördert hat. Umso mehr, als die Fragen, die im Vorfeld an den Studienautor Michael Haller gestellt werden, zeigen, wie versucht wird, die Ergebnisse auf eine Art politisch zu framen, so dass sie einer bestimmte Ecke zugeordnet werden.

So reagiert etwa ein Journalist des Deutschlandfunks bei seinem Interview mit Haller auf die Einseitigkeits-Vorwürfe der Studie damit, dass er seinerseits der Studie Einseitigkeit unterstellt, die von „Rechtspopulisten und Rechtsextremen“ ausgenutzt werden könnte.

Dazu greift er zur Polemik, indem er „Mainstreammedien“ und „Elite“ als Kampfbegriffe etikettiert, was suggeriert, es handle sich um keine Kategorien, die in seriöser Wissenschaft verwendet werden dürften, sondern um ideologisch aufgeladene Begriffe, was darauf hinausläuft, jedem, der in einer Diskussion von Mainstreammedien spricht, bereits in eine Ecke zu rücken:

Eine Kernkritik von Ihnen dabei lautet, Sie bemängeln, Redaktionen hätten sich zu sehr auf die Einordnungen aus der Politik beschränkt und dort einseitig auf die aus Regierungsparteien. Sie sprechen dabei aber auch immer wieder von der politischen Elite und sogenannten Mainstreammedien. Indem Sie solche Kampfbegriffe verwenden, leisten Sie nicht einem Politikverdruss Vorschub, wie er von Rechtspopulisten und Rechtsextremen weltweit verbreitet wird?

Michael Borgers, Deutschlandfunk, Interview mit Michael Haller

Die Antwort von Michael Haller steht demgegenüber auf festerem Boden:

Mainstreammedien ist ein auch wissenschaftlich durchdeklinierter Begriff, und das ist ziemlich genau beschrieben, was darunter zu verstehen ist. Also das sind keine Nischenmedien, das sind keine Gruppenmedien, sondern das sind General-Interest-Medien, die von sich sagen, dass sie das aktuelle, spannende, wichtige, zu wissen wichtige Geschehen vermitteln können. (…)

Der Begriff der Elite ist, sagen wir mal: in Deutschland etwas prekärer als in anderen Ländern, aber auch da ist eigentlich in der Politikforschung ziemlich klar, was mit Elite jetzt – wir reden hier von Politik -, was mit Elite gemeint ist. Das sind in erster Linie die Entscheider, das sind in erster Linie diejenigen, die auch machtvoll sind, die auch selber mitbestimmen oder mitentscheiden können, wie das, was sie beschlossen haben, umgesetzt wird.

Michael Haller Deutschlandfunk, Interview

Es gibt noch einen beachtenswerten Nachsatz: Auf die Bemerkung des Fragestellers, dass Hallers Vorwurf laute, Medien hätten sich „zu sehr gemein gemacht“, antwortet Haller, der journalistische Arbeit aus eigener Praxis kennt, mit der Aussage: „Ja. Deutlich. Also das ist nicht ein Vorwurf, sondern es ist ein Befund.“

Hier zeigen sich im kleinen Ausschnitt die großen Schwierigkeiten, die die Branche hat. In einem pädagogischen Missionsbewusstsein wird die richtige Leitlinie, die nicht immer ausgesprochen sein muss, bieder befolgt; Ergebnisse aus der Wirklichkeit sind nachrangig.

Selbstkritik gibt es hauptsächlich nur eingeschränkt. Nicht selten aus einer selbstgewissen Haltung heraus, die dem kritischen Gegenüber grundsätzlich unterstellt, dass er auf der falschen Linie ist (rechts, Verschwörungstheoretiker, Putinversteher oder auch Linksextremisten-Verherrlicher). Längst geht es nicht mehr allein um die Glaubwürdigkeit der „Berichterstattung“ über Migranten, auch die Berichte über Konflikte in der Ukraine und in Syrien wurden mit Schlagseite versehen.

„Die von den Journalisten beschriebene Wirklichkeit ist sehr weit entfernt von der Lebenswelt eines großen Teils ihres Publikums“, so das Fazit der Otto-Brenner-Stiftung. Dort hofft man, dass die Publikation der Studie dazu beiträgt, die große Entfremdung zwischen dem „etablierten Journalismus und Teilen der Bevölkerung“ Thema einer öffentlichen Auseinandersetzung wird, „dass die Ursachen des Bruchs im öffentlichen Diskurs weiter untersucht und bewertet werden“.

Man darf also gespannt sein, ob die Fülle an konkreten Ergebnissen der Studie zu einer von Fakten gestützten Diskussion führt oder ob es bei Polemik bleibt. Die Entfremdung von Fakten oder auch bestimmten Unsicherheiten, die nicht konkret zum Thema gemacht werden, sondern mit eigenen Gewissheiten aus dem politischen Nähkästchen („Rebellen in Syrien“) überbügelt werden, liefern den Nährboden für Populisten und Hetze.

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