22. September 2015 · Kommentare deaktiviert für „Einfach warten – am Grenzübergang Harmica“ · Kategorien: Balkanroute, Kroatien, Slowenien

Quelle: Badische Zeitung

Nach Kroatien versuchen auch Slowenien und Österreich, den Strom der Flüchtlinge zu verlangsamen. In Harmica, an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien warten Tausende Flüchtlinge.

„Chewing gum?“ ruft Bassam über das Gitter, wenn ihm wieder mal langweilig wird. Bassam hat sich in dem Polizeikordon zur Kontaktaufnahme einen Beamten ausgeguckt, der selbst nicht viel älter ist als er. Dem schaut Bassam jetzt unverwandt ins Gesicht, nie auf den Helm, den Schild oder den Schlagstock.

Bassam macht seine Sache gut. Immer wenn er den Blick des jungen Polizisten eingefangen hat, fragt er nach: „Chewing gum?“ Der Polizist schaut verlegen weg, seine Kollegen, die rechts und links von ihm stehen, grinsen unverhohlen.

Ohne den etwa 16-jährigen Jungen mit den raspelkurzen Haaren könnte man über die Lage am Grenzübergang Harmica sagen, sie wäre angespannt. Dreißig Mann „Riot police“ stehen hier Schulter an Schulter, um einige Hundert Flüchtlinge von der Einreise nach Slowenien abzuhalten. Aber inzwischen kennen beide Seiten einander gut; schließlich haben sie eine Nacht miteinander verbracht. Wenn der Junge aus Syrien, der hier in der vordersten Reihe seine Faxen macht und herumturnt, antäuscht und so tut, als wollte er übers Gitter klettern, schauen die martialischen ausgerüsteten Polizisten angestrengt beiseite.

Mit Bussen, Taxen oder per Anhalter sind die Menschen nach Harmica gekommen

Hier, an der unscheinbaren Brücke über die Sotla – einem etwa 90 Kilometer langen Nebenfluss der Save, der fast über seinen gesamten Verlauf die slowenisch-kroatische Grenze markiert – hat die Polizei am Mittwoch Tränengas gegen Flüchtlinge eingesetzt und auch Kinder erwischt. Die Nachricht ging um die Welt. Um die hundert Menschen, die mit Bus, Taxi oder per Anhalter die 35 Kilometer aus Zagreb gekommen sind, stehen, sitzen, liegen ständig vor dem hüfthohen Gitter, das die slowenische Polizei hier, direkt auf dem Grenzübergang, aufgestellt hat. Am Wochenende geht es dann entspannter zu, alle versuchen zu deeskalieren – nicht nur Bassam.

An der Wucht der Flüchtlingswelle ändert das allerdings nichts. Seit dem letzten Donnerstag sind 25 000 Menschen aus Serbien über die Grenze nach Kroatien gekommen. Die Schließung der Übergänge hat nicht geholfen. Fast 4000 mussten eine Regennacht im Auffanglager Tovarnik gleich an der Grenze verbringen. Seit Samstag bringen Busse die Ankommenden nicht, wie ursprünglich geplant, nach Slowenien, sondern nach Ungarn: Westlich des Grenzzauns, den die ungarische Polizei eilig auch gegen Kroatien errichtet hat, ist bei der Stadt Koprivnica ein Übergang frei. Tausende gingen am Wochenende über die Grenze in den Schengen-Raum, ungeachtet der hohen Strafandrohungen. Zwischen den Regierungen in Zagreb und Budapest herrscht weiter völlige Funkstille.

Während die unwilligen Ungarn erleben müssen, dass es mit martialischen Ankündigungen nicht getan ist, lassen Slowenien und Österreich gelegentlich Druck aus dem Kessel – wie die Österreicher am Samstag im Städtchen Bad Radkersburg, wo sich wenige Polizisten auf der Brücke über die Mur plötzlich 350 Flüchtlingen gegenüber sahen – und den Weg frei machen, als ihre lose Menschenkette zerriss. Wo es geht, schicken sie Flüchtlinge nach Slowenien zurück, wo nicht, da nicht. Die Slowenen, die den Druck auf die Grenze schärfer spüren, versuchen es mit Hinhaltetaktik. An den Übergängen im Südwesten Richtung Zagreb und im Norden nach Maribor bilden sich lange Autoschlangen. Auf der Autobahn zwischen Zagreb und Ljubljana stauen sich über Kilometer die Lastwagen.

Wie geht es weiter? Wohin geht es weiter?

An Taktik und Umsicht mangelt es aber auch auf der anderen Seite nicht, bei den Flüchtlingen. Am Samstag tröpfeln langsam immer mehr aus Zagreb in Harmica ein. Fatih, ein Mann um die fünfzig, entsteigt mit seinen beiden erwachsenen Söhnen einem Taxi. „In Damaskus hatte ich eine Autowerkstatt“, sagt Fatih in fließendem Englisch und checkt zugleich mit strategischem Blick die Lage in dem kroatischen Örtchen. „Okay, wir warten hier“. Fatih weiß genau, wo er ist und was er will. Die Frau und drei Töchter sind in Khartum und sollen nachkommen, wenn Vater und Brüder ihr Zielland erreicht haben – von dem Fatih noch nicht weiß, welches es sein wird. Heute, das hat Fatih entschieden, kann alles nur besser werden.

Gegen Abend, wenn aus den Hunderten Tausende geworden seien, kalkuliert er, dürfte man hier ungehindert über die Grenze kommen. Dass es dann anders kommt, liegt daran, dass auch die Slowenen strategisch denken.

Am späten Vormittag tauchen plötzlich zwei große Busse auf, laden Familien mit Kindern ein und bringen sie über die Grenze ins Land – gleich ob sie nun in Slowenien einen Antrag stellen oder nicht, immer gerade so viele, dass die Lage nicht eskaliert und die Fernsehbilder nicht zu hässlich werden.

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