11. Dezember 2016 · Kommentare deaktiviert für „Migranten in den USA: Rettung vor Trumps Zugriff“ · Kategorien: USA · Tags:

Quelle: Zeit Online | 10.12.2016

Millionen Einwanderern droht nach Donald Trumps Amtsantritt die Abschiebung. Nun formiert sich Widerstand: Hunderte Kirchengemeinden bieten Migranten Asyl.

Ingrid Encalata Latorre hat Angst. Im Januar wird der künftige Präsident Donald Trump sein Amt antreten. Müssen Latorre und ihr einjähriger Sohn Anibal dann das Land verlassen? Die 32 Jahre alte Peruanerin wartet auf einen endgültigen Bescheid aus Washington über ihre drohende Abschiebung. Doch nun hat sie eine Zuflucht gefunden, einen Ort, an dem sie zunächst geschützt ist. Eine Gemeinde der protestantischen Quäker in Denver nahm die verunsicherte Frau und ihren Sohn auf. Seit vergangener Woche leben die beiden im Andachtshaus.

Hunderte amerikanische Kirchengemeinden verschiedenster christlicher Konfessionen bieten inzwischen Migranten ohne Ausweispapiere Asyl, geistliche Unterstützung und Rechtsberatung. In der Stadt Brockton südlich von Boston haben vier Kirchen angekündigt, von der Abschiebung bedrohte Einwanderer aufzunehmen. „Wer einen sicheren Platz sucht, hat ihn gefunden, sobald er durch die Tür dieses Gebäudes tritt“, sagt Pfarrer Abraham Waya von der Vereinigten Methodistischen Kirche. „Wir werden ihn aufnehmen und uns so lange wie notwendig um ihn kümmern.“ Er könne in seiner Kirche bis zu 100 Menschen beherbergen.

Drohnen und Zäune gegen Einwanderer

Dass gerade jetzt unter vielen illegal eingewanderten Menschen die Angst umgeht, wurzelt in Trumps Wahlkampfrhetorik. Der Republikaner hatte angekündigt, die Einwanderungspolitik des amtierenden Präsidenten Barack Obama sofort auszusetzen. Dazu gehört auch ein Gesetz aus dem Jahr 2012, das mehr als 700.000 Migranten, die als Minderjährige illegal in die USA gebracht worden waren, Arbeitsgenehmigungen und eine Duldung erteilte. In einem in dieser Woche veröffentlichten Interview mit dem Magazin Time klang Trump zwar nun etwas weniger drastisch. „Wir werden uns etwas überlegen, dass die Leute glücklich und stolz macht“, sagte er.

Aber die Sorge die Migranten bleibt. Zumal viele von ihnen auch unter der Regierung Obama von Abschiebung bedroht waren. Zuletzt griffen auch die Obama-geführten Behörden wieder härter durch. Schon im Januar kündigten deshalb viele Kirchen an, von Abschiebung bedrohte Migranten aufnehmen zu wollen.

Schon lange reguliert die amerikanische Einwanderungsbehörde sehr scharf, wer in die USA kommen darf. Viele Menschen aus Lateinamerika, die der Gewalt und der Armut in ihrer Heimat entkommen wollen, haben auf regulärem Weg kaum eine Möglichkeit, einzuwandern. Sie suchen sich ihren eigenen Weg nach Norden. Die amerikanische Bundespolizei setzt deshalb an der 1.050 Kilometer langen Grenze zu Mexiko rund 18.000 Grenzschützer ein. Sie bewachen einen sieben Meter hohen Zaun und spüren mit Hubschraubern, Drohnen und Geländewagen den Flüchtlingen nach. Wer ihnen entgehen will, muss sich auf den gefährlichen Weg durch die Wüste machen. Jedes Jahr sterben dort Hunderte Menschen.

Widerstand mit langer Tradition

Wem es gelingt, bis in die USA zu kommen, taucht meistens unter. Aus gutem Grund. Denn dort erhalten nur diejenigen Asyl, die wohlbegründete Angst vor Verfolgung nachweisen können: wegen ihrer Rasse, Religion oder Nationalität, ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder ihrer politischen Meinung. Auch sexuelle Gewalt gilt seit einigen Jahren als Asylgrund. In einem gefährlichen Land zu leben, reicht hingegen nicht aus.

Viele Länder Lateinamerikas, aus denen die größte Gruppe der Einwanderer stammt, sind gefährlich. Was das bedeutet, hat der Guardian aufgedeckt. Er berichtete von den Fällen dreier junger Männer aus Zentralamerika, die vor der Kriminalität dort geflohen waren. Weil Kriminalität in den USA aber kein Asylgrund ist, wurden die Männer abgeschoben. Alle drei wurden anschließend in ihren Heimatländern Honduras, El Salvador und Guatemala ermordet.

Illegale Einwanderer leben deshalb schon seit Jahrzehnten in der Angst, ausgewiesen zu werden. Doch Trumps Ankündigungen, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen, Muslimen die Einreise zu verbieten und Millionen Menschen abzuschieben, habe „die Menschen wirklich aufgeschreckt“, sagt die Pastorin Alison Harrington von der Southside Presbyterian Church in Tucson im Staat Arizona.

„Kirchenasyldiözese“

Harrington engagiert sich in der landesweiten Kirchenasylbewegung. Der kirchliche Widerstand, den sie fortsetzt, hat eine lange Tradition. Schon in den dreißiger und vierziger Jahren nahmen Kirchengemeinden verfolgte Juden aus Europa auf, später junge Männer, die den Kriegsdienst in Vietnam verweigerten. In den achtziger Jahren gewährten mehr als 500 Gemeinden fast einer halben Million Menschen aus El Salvador, Honduras und Guatemala Schutz, die vor von amerikanischen Beratern trainierten Todesschwadronen geflohen waren. Damals entstand eine regelrechte Untergrundfluchtroute aus Mexiko in die USA und bis nach Kanada. Zwischen den Behörden und Gemeinden kam es zu herben Konfrontationen, Geistliche mussten sich vor Gericht verantworten.

Heute vermeiden es die für Abschiebungen zuständigen Bundespolizisten, Menschen, die abgeschoben werden sollen, an sensiblen Orten wie Schulen, Kirchen und Krankenhäusern festzunehmen. Vollstreckungsmaßnahmen an diesen Orten sind nur bei Terrorfällen oder unter „dringenden Umständen“ möglich.

In den vergangenen Wochen haben 450 Kirchen und Glaubensgemeinschaften besorgten Migranten Hilfe angeboten. Sie reicht von der Beförderung von Schulkindern über finanzielle Unterstützung bis zum Kirchenasyl. Die anglikanische Diözese von Los Angeles mit ihren mehr als 140 Gemeinden rief in einer Resolution sogar zum „heiligen Widerstand“ gegen Trumps Vorschläge in der Einwanderungspolitik auf und erklärte sich selbst zur „Kirchenasyldiözese„. In Philadelphia verzeichnete ein Verband aus 17 Kirchen und zwei Synagogen einen gewaltigen Zulauf von Freiwilligen für ein Programm, das Migranten unterstützt, deren Wohnungen von der Einwanderungsbehörde durchsucht werden. Noch im Mai engagierten sich dort lediglich 65 ehrenamtliche Helfer. In den zwei Wochen nach Trumps Wahlsieg meldeten sich mehr als 1.000 neue Freiwillige an, wie Peter Pedemonti sagt, Geschäftsführer der Initiative Neue Kirchenasylbewegung.

„Wir wissen, dass wir jetzt an einem anderen Punkt in der Geschichte stehen und dass unser Glaube uns zu mutigeren Aktionen zwingt“, sagt die Pfarrerin Harrington.

Familien zusammenhalten

Einige Kirchen haben ihre Versprechen schon wahr gemacht: Die Arch Street United Methodist in Philadelphia nahm vor drei Wochen einen 40-jährigen Mann aus Mexiko auf. Javier Flores war 1997 illegal in die USA eingewandert, wurde seitdem mehrere Male abgeschoben und reiste immer wieder ein. Nachdem er mehr als ein Jahr lang in einem Abschiebelager festgehalten worden war, ließ ihn die Einwanderungsbehörde für 90 Tage frei, damit er seine Ausreise vorbereiten konnte. Flores wollte sich nicht von seiner Frau und seinen drei Kindern trennen und brachte sich deshalb in dieser Zeit in Sicherheit. So erzählt es der leitende Pfarrer Robin Hynicka. „Für uns ist eine moralische Verpflichtung, Familien zusammenzuhalten.“

Ingrid Encalata Latorre, die von den Quäkern in Denver aufgenommen wurde, hatte im Jahr 2000 ihre peruanische Heimatstadt Cusco verlassen und war zu einer Tante nach Colorado aufgebrochen. Dort fand sie Arbeit als Tellerwäscherin, Kinderfrau, Putzhilfe und Altenpflegerin. Im Jahr 2002 kaufte sie einem windigen Straßenverkäufer gefälschte Papiere ab. Acht Jahre später wurde Latorre festgenommen und bekannte sich des Identitätsdiebstahls schuldig.

Latorre zahlte eine Steuerschuld von 11.500 Dollar zurück und überstand ihre Bewährungszeit. Allerdings wurde durch den Fall auch die Abschiebebehörde auf die Migrantin aufmerksam. Mithilfe eines Rechtsbeistands kam sie zusammen mit ihrem Sohn Anibal in dem Quäkertagungshaus unter. Anibal ist in den USA geboren und amerikanischer Staatsbürger. Latorre will sich von Trumps Plänen nicht irre machen lassen. „Ich habe mein halbes Leben hier verbracht“, sagt die 32-Jährige. „Ich habe keine Angst. Ich werde einfach kämpfen und weitermachen.“

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