02. Dezember 2016 · Kommentare deaktiviert für „Kenias Megacamp Dadaab: 250.000 Flüchtlinge in Angst“ · Kategorien: Afrika · Tags: ,

Quelle: Spiegel Online | 02.12.2016

Mit Drohungen und Datentricks senkt Kenia die Bewohnerzahl im weltweit größten Flüchtlingslager. Die komplette Schließung ist vorerst aufgeschoben – doch die Hilfesuchenden fürchten weiter um ihre Existenz.

Christoph Titz

Die Menschen in Dadaab, im größten Flüchtlingslager der Welt, wissen wahrscheinlich nicht, wer Mohammed Affey ist. Und doch ist der kenianische Karrierediplomat für sie eine Art Schutzengel.

Als Sondergesandter des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) für somalische Flüchtlinge soll Affey verhindern, dass Kenia einen brutalen Plan umsetzt: die Camps in Dadaab, Heimat von rund 250.000 Menschen, binnen kurzer Zeit komplett zu schließen. Eine erste Frist dafür läuft Ende November ab. Erst kurz vor Schluss wurde sie um ein halbes Jahr verlängert.

Affey, 56, hat seit Anfang Oktober ein Büro im UNHCR-Hauptsitz in Nairobi bezogen, an einer Ausfallstraße im schicken Westen der kenianischen Hauptstadt. Offiziell ist er zuständig für alle mehr als zwei Millionen Somalier, die vor dem endlos scheinenden Bürgerkrieg geflohen sind. Die meisten gingen direkt nach Kenia.

Seit die ersten Somalier vor einem Vierteljahrhundert kamen, hat das Nachbarland die vielen Menschen meist klaglos aufgenommen und verwaltet – doch nun soll damit plötzlich Schluss sein: In einer Zeit, in der weltweit so viele Menschen auf der Flucht sind wie nie zuvor, wendet sich das ostafrikanische Boomland gegen die Flüchtlinge. Warum? Und warum jetzt?

Zuerst ist da der Zeitgeist: Flüchtlinge sind nicht en vogue. Schon das reiche Europa tut sich wegen des Syrienkriegs sehr schwer mit ein wenig Barmherzigkeit. Als im vergangenen Jahr um die 1,5 Millionen Menschen Sicherheit in der EU suchten, war viel die Rede von Krise, Problemen und Grenzzäunen – und wenig von Schutz und Menschenwürde. Dabei leben neun von zehn Flüchtlingen weltweit ohnehin weit weg, in den Entwicklungsländern.

Kenia im Fadenkreuz der Al-Schabab

Kenia ist seit 2011 Partei im Somalia-Krieg, und seitdem als Regionalmacht permanent im Fadenkreuz der islamstischen Schabab-Miliz. Nach jedem großen Anschlag, dem Universitätsmassaker von Garissa 2015 ebenso wie der Attacke auf das Westgate-Einkaufszentrum 2013 mit zusammen mehr als 200 Toten, macht die Regierung von Präsident Uhuru Kenyatta den Somaliern im Land Vorhaltungen.

Vor Gericht gestellt wurde bislang zwar noch kein mutmaßlichen Angreifer, aber Kenyatta, der 2017 wiedergewählt werden will, verspricht trotzdem Härte ausgerechnet gegen die Schwächsten. Sein Vize-Präsident William Ruto assistiert: Dadaab sei kein humanitärer Ort mehr, sondern ein Umschlagplatz des Waffenhandels und ein Islamisten-Hotspot, in dem „Terroristen trainiert und Anschläge geplant“ werden. Das erklärte Ruto vor der Uno-Generalversammlung.

Kann Kenia also einfach ein Lager schließen, in dem eine Viertelmillion Menschen leben? Unwahrscheinlich. Viele Bewohner sind schon in Dadaab geboren. Eine Rückkehr im Rahmen der Genfer Flüchtlingskonvention müsste freiwillig geschehen. Mit einem „Push back“, also Zurückschicken oder gar gewaltsamer Vertreibung, würde Kenia internationales Recht verletzten. Auch deshalb hat Kenia weder im Mai noch jetzt erklären können, wie genau eine Schließung Dadaabs gelingen soll.

Autofahren in Somalia? Auf keinen Fall

Fragt man Menschenrechtsaktivisten von Amnesty International oder Ärzte ohne Grenzen (MSF), versucht Kenia es trotzdem: Die Organisationen kritisieren, die Regierung treibe somalischen Flüchtlinge derzeit mit Drohungen zurück in ein Kriegsgebiet.

Im Mai hatte Innenminister Joseph Nkaissery die Schließung angekündigt, Vize-Präsident Ruto sagte, das Ende Dadaabs sei beschlossene Sache. In der Folge traten in den fünf Einzellagern laut Zeugenaussagen kenianische Offizielle auf, die den Flüchtlingen sagten: Wer nicht jetzt, sofort, zurück nach Somalia gehe, der werde schon bald keine Hilfe mehr erhalten. Außerdem sei es in ihrer Heimat dank kenianischer Militärpräsenz nun wieder sicher.

Sicher? In Somalia? Uno-Sondergesandter Affey lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück und schüttelt den Kopf. Ist es in Somalia möglich, zwischen zwei Städten zu reisen, ohne ins Visier von Terroristen zu geraten? „Nein“, sagt Affey entschieden, auf keinen Fall. Dann besinnt er sich auf seine neue Rolle als Uno-Vertreter und wählt einen diplomatischeren Ton: Somalia sei „noch nicht aus dem Gröbsten raus“, sagt er. Und zudem „nicht vollkommen sicher“ und „nicht vollkommen friedlich“.

Neben der illegalen Vertreibung bleibt Kenias Regierung also nur eine weitere Strategie: Es muss wenigstens so aussehen, als löste sie ihr Versprechen ein. Im August passierte darum im Flüchtlingskomplex Dadaab im Norden Kenias wundersames: Die Flüchtlingsstadt schrumpfte binnen vier Wochen drastisch – auf dem Papier.

Umfrage: 86 Prozent der Bewohner wollen nicht zurück

Waren Ende Juli noch 321.000 somalische Bürgerkriegsflüchtlinge registriert, ging ihre Zahl binnen weniger Tage um mehr als 58.000 zurück. Das UNHCR erklärt dazu: Ein Datenabgleich habe ergeben, dass die Zahl bislang um knapp ein Fünftel zu hoch berechnet war. Weitere 40.000 Menschen seien zudem gar keine Somalier sondern Kenianer oder Doppelstaatler. UNHCR-Mann Affey sagt, er und das Hauptquartier in Genf seien zufrieden: Es sei gelungen, Dadaab zu „entpacken“.

Auch wenn eine Schließung im Mai 2017 ähnlich unrealistisch ist wie aktuell – die Flüchtlinge in Dadaab fürchten um ihre Existenz. „Auch die neue Deadline macht den Menschen im Lager wieder Angst“, sagte Liesbeth Aelbrecht, Leiterin des MSF-Programms in Kenia, die Dadaab kürzlich besuchte.

Eine MSF-Umfrage im Teillager Dagahaley mit gut 67.000 Bewohnern ergab, dass 86 Prozent Angst vor einer Rückkehr haben. Ihre größte Sorge sind nicht Anschläge: Männer fürchten vielmehr Zwangsrekrutierung durch bewaffnete Gruppen, die Frauen sexuelle Gewalt. Ihr Leben im Lager beschrieben 96 Prozent hingegen als „sehr sicher“.

Wasser und Abwasserentsorgung seien in Dadaab zwar immer noch ein großes Problem, meldet MSF. Im Januar hätten die Lagerärzte mit Mühe eine Cholera-Epidemie eingedämmt. Doch auch wenn die Situation nicht optimal sei, sagt MSF-Vertreterin Aelbrecht: Eine Rückkehr wäre für die Flüchtlinge „desaströs“.

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