20. Juni 2016 · Kommentare deaktiviert für „Bericht des UNHCR So viele Flüchtlinge wie noch nie“ · Kategorien: Europa · Tags: ,

Quelle: NZZ

Im Jahr 2015 ist die Zahl der Flüchtlinge weltweit auf 65 Millionen Personen angestiegen. Der Uno-Hochkommissar rief die Politik dazu auf, Vertriebenen nicht unnötige Hürden in den Weg zu stellen.

(sda) Im vergangenen Jahr sind laut einem Bericht des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR gleich mehrere traurige Rekorde gefallen: Noch nie sind so viele Menschen vertrieben worden und noch nie gab es so viele Asylgesuche wie 2015. «Jede Minute werden 24 Menschen vertrieben», sagte Filippo Grandi, Uno-Hochkommissar für Flüchtlinge, vor den Medien in Genf.

Anlässlich des Weltflüchtlingstags veröffentlichte die Hilfsorganisation neue statistische Angaben zu Flüchtlingen. Allein im vergangenen Jahr wuchs die Zahl der Vertriebenen von 60 auf 65 Millionen. Grandi fordert angesichts der weltweiten Entwicklungen zum Handeln auf: Es gelte gegen Aversionen gegen vertriebene Menschen vorzugehen und dagegen zu kämpfen, dass Parlamente ihnen Hürden in den Weg stellten.

Schon 2014 war mit rund 60 Millionen Geflohenen ein Rekord verzeichnet worden: Nie seit dem Zweiten Weltkrieg mussten so viele ihr Heim oder ihre Heimat verlassen. Die Zahlen haben sich seit 1997 in etwa verdoppelt. Allein seit 2011 sind sie um 50 Prozent in die Höhe geschnellt – dem Jahr, in dem der Syrienkrieg ausbrach. Mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge weltweit kommen aus Syrien, Afghanistan und Somalia.

Die Türkei war wie 2014 das wichtigste Gastland: Sie nahm 2,5 Millionen Menschen auf, fast alle aus dem benachbarten Syrien. Afghanistans Nachbar Pakistan beherbergt 1,6 Millionen Flüchtlinge; der winzige Libanon 1,1 Millionen. Mehr als eine Million Menschen erreichten 2015 Europa.

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siehe auch: Zeit Online

Europas Ängste sind klein

Eine Kolumne von Martin Klingst

Anders als Hetzer und Populisten behaupten, bleibt Europa von dem Weltübel Flucht weitgehend verschont. Die meisten der 65 Millionen Flüchtlinge suchen woanders Schutz.

In den Staaten der nördlichen Welthalbkugel scheint es vorrangig nur noch darum zu gehen: Wie schützt man sich am besten vor den Flüchtlingen aus dem Süden?

In den Vereinigten Staaten von Amerika will der wahrscheinliche republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump eine Mauer entlang der rund 3.000 Kilometer langen Grenze zu Mexiko errichten. Außerdem verkündet er, als Präsident keine Muslime mehr ins Land zu lassen.

Eine Mehrheit der Briten könnte an diesem Donnerstag vor allem deshalb für einen Austritt aus der Europäischen Union stimmen, weil sie keine weiteren Einwanderer mehr will. Und weil Premierminister David Cameron nicht sein Versprechen gehalten hat, die Zahl der Einwanderer merklich zu reduzieren, auf möglichst unter 150.000 pro Jahr.

Die EU selber droht an dem Streit über eine gerechte Verteilung von Flüchtlingen zu zerbrechen. Die 28 Mitglieder haben es bislang nicht einmal geschafft, ihren Beschluss vom vergangenen Herbst umzusetzen, demzufolge den EU-Grenzstaaten Italien und Griechenland gerade einmal 160.000 Syrer und Iraker abgenommen werden sollen.

Australien, das zwar ganz im Süden liegt, aber gleichwohl zur sogenannten Ersten Welt gehört, schottet sich schon seit Jahren hermetisch gegen Flüchtlinge ab.

Kein Zweifel, die vielen Flüchtlinge, vor allem, wenn sie auf einmal kommen, stellen auch wohlhabende Nationen vor große Schwierigkeiten: vor finanzielle, soziale, politische und kulturelle.

Mehr als die Hälfte aller Flüchtlinge kommt aus drei Ländern

Aber während diese Länder in erster Linie damit beschäftigt sind, sich die Not leidenden Menschen mit Zäunen, Gesetzen, Geld und internationalen Verträgen vom Leib zu halten, lenkt das UN-Flüchtlingshilfswerk am heutigen Weltflüchtlingstag mit einem Global Trends Report den Blick auf die wahren Probleme und wirklichen Herausforderungen. Es ist ein ebenso erschreckender wie heilsamer Blick, der die Dinge wieder ins rechte Licht rückt.

Die EU bleibt weitgehend verschont

Binnen Jahresfrist ist die Zahl der Flüchtlinge, so der UNHCR, dramatisch gestiegen, von 59,5 Millionen Ende 2014 auf 65,3 Millionen Ende 2015. Derzeit ist damit jeder 113. Mensch auf der Welt ein Flüchtling, der seinen Wohnort verlassen musste, um Schutz zu suchen – entweder im Ausland oder in einem entfernten Winkel des eigenen Landes.

Umgerechnet auf die etwa 530 Millionen EU-Bürger würde diese Zahl bedeuten: Rund viereinhalb Millionen Europäer müssten derzeit wegen Krieg, Hunger, politischer Verfolgung oder Naturkatastrophen das Weite suchen und umherirren.

Doch anders als Hetzer, Populisten und Wahrheitsverdreher behaupten, bleibt Europa auf doppelte Weise von dem Weltübel der Flucht weitgehend verschont. Zum einen gibt es kaum europäische Flüchtlinge: laut UNHCR lediglich 593.000, die meisten davon aus der Ukraine. Zum anderen zogen 2015 trotz Balkanroute und drastisch steigender Zahl vergleichsweise immer noch wenige Menschen aus den südlichen und östlichen Brandherden nach Europa. 86 Prozent der Flüchtlinge, die im vergangenen Jahr unter dem Mandat des UNHCR standen, baten in Staaten außerhalb der EU um Obdach.

Was in der aufgeregten europäischen Debatte oft vergessen wird: Weltweit nimmt die Türkei die meisten Flüchtlinge auf, etwa 2,5 Millionen. Gemessen an der Bevölkerungszahl ist der Libanon am großzügigsten, auf 1.000 Einwohner kommen dort 183 Flüchtlinge. Und legt man die Wirtschaftskraft zugrunde, trägt die Demokratische Republik Kongo die größte Last.

Die größte Leistung vollbringt Afrika

Apropos Afrika: Nach dem Mittleren Osten müssen dort die meisten Menschen fliehen. Kriege, Massenvertreibungen und Dürre zwangen bis Ende 2015 rund 18 Millionen Afrikaner, ihre Heimat zu verlassen. Doch nach Europa gelangten vergangenes Jahr allenfalls 150.000, alle anderen suchten Schutz in Gegenden südlich der Sahara.

Auch das ist eine schlichte Wahrheit: Sechs der zehn Hauptaufnahmeländer liegen in Afrika. In absoluten Zahlen nimmt Äthiopien die meisten Flüchtlinge auf, gefolgt von Kenia, Uganda, der Demokratischen Republik Kongo und dem Tschad.

Auf der Flucht ins Ausland sind vor allem Syrer (4,9 Millionen), gefolgt von Afghanen (2,7 Millionen) und Somaliern (1,1 Millionen). Die meisten Binnenflüchtlinge gibt es in Kolumbien (6,9 Millionen), danach in Syrien (6,6 Millionen) und im Irak (4,4 Millionen).

Und noch eine alarmierende Nachricht des UNHCR: Es fliehen derzeit besonders viele Kinder und Jugendliche. 51 Prozent aller Flüchtlinge sind jünger als 18 Jahre. Unter ihnen sind immer mehr, die sich allein oder getrennt von ihren Eltern auf die gefährliche Reise machen.

Noch einmal: Europas Sorgen lassen sich nicht vom Tisch wischen. Doch angesichts dessen, was viele andere Staaten und Gesellschaften in der weltweiten Flüchtlingskrise schultern müssen, sind diese Nöte und Ängste klein.

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siehe auch: taz

Neue Zahlen zur Flüchtlingsbewegung

Die Weltgemeinschaft ist gescheitert

Über 65 Millionen Menschen wurden 2015 durch Krisen und Konflikte aus ihrer Heimat vertrieben. Die Zahl belegt einen neuen Höchststand.

BERLIN taz | Mehr Menschen denn je sind auf der Flucht. Nach den am Montag vom UN-Flüchtlingswerk UNHCR veröffentlichten Zahlen mussten bis Ende Dezember 2015 65,3 Millionen ihre Heimat verlassen. Ein Jahr zuvor waren es 59,5 Millionen.

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Statistisch gesehen ist damit jeder 113. Mensch auf der Welt entweder asylsuchend, binnenvertrieben oder anerkannter Flüchtling – eine weiterer neuer Höchststand. Die Zahl entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Großbritannien oder Frankreich. Rund 41 Mil­lionen, die im eigenen Land fliehen, sind eingerechnet.

Das belegt das Scheitern der Weltgemeinschaft bei der Beilegung von Konflikten. Seit Mitte der 1990er nehmen Flucht und Vertreibung zu, in den letzten fünf Jahren immer schneller. Zu alten Krisengebieten wie Afghanistan oder Somalia kamen neue wie Syrien, der Südsudan, Burundi, die Ukraine oder die Zentralafrikanische Repu­blik. Die meisten neuen Binnenflüchtlinge gab es 2015 im Jemen.

Die Mehrheit der Flüchtlinge kommt nicht weit. Zwar stehen die Bemühungen Europas bei der Aufnahme im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Tatsächlich aber haben 86 Prozent der Flüchtlinge, die 2015 unter dem Mandat von UNHCR standen, in Entwicklungsländern Schutz gesucht. Sie bleiben in unmittelbarer Nähe der Konfliktgebiete.
Warnung vor Gleichgültigkeit

Mit über 17 Flüchtlingen je 100 Einwohnern hat der Libanon im Verhältnis zur Bevölkerung mehr Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land. In Relation zur Wirtschaftskraft leben die meisten Flüchtlinge in der Demokratischen Repu­blik Kongo (siehe Grafik). Keines dieser Länder kann eine ausreichend Versorgung gewährleisten. Sie brauchen die Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen, die ihrerseits auf Spenden angewiesen sind.

„Höchst beunruhigend“ nennt UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi die Zahlen. „Auf dem Meer verlieren erschreckend viele Menschen ihr Leben, der Landweg ist durch geschlossene Grenzen zunehmend blockiert, und in manchen Ländern wird gegen Asyl politisch Stimmung gemacht.“

Pro Asyl warnt anlässlich des heutigen Weltflüchtlingstags vor einer „Kultur der Gleichgültigkeit“ gegenüber Flüchtenden. Europa werde bald „faktisch für Schutzsuchende nicht mehr erreichbar sein“, so Geschäftsführer Günter Burkhardt.

„Die EU und auch Deutschland setzen vornehmlich auf die Bekämpfung ‚irregulärer Migration‘ “, sagt Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe. Bisher hätten die europäischen Staaten ihre Verpflichtung aus dem EU-Ratsbeschluss von September letzten Jahres, 160.000 Flüchtlinge aus Italien und Griechenland aufzunehmen, kaum eingelöst. „Höchste Priorität hat jetzt, dass alle Länder ihre Zusagen einhalten und Aufnahmeplätze für Asylsuchende bereitstellen“, so Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland.

Am Freitag kündigte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen an, aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik der EU kein Geld mehr von der Union und ihren Mitgliedstaaten anzunehmen.

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