Zeit Online | 25.10.2017
Frankreichs Präsident will nicht nur Europa, sondern auch das Einwanderungssystem „neu gründen“. Vorbild ist Deutschland, allerdings nicht die Willkommenskultur.
Von Georg Blume, Paris
Ist der große Europäer Emmanuel Macron am Ende doch nur ein Kleinkrämer, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht? Diesen Eindruck erweckt der französische Präsident, seit er nicht nur von seiner überall zitierten „Neugründung Europas“ spricht, sondern nebenbei auch das französische Einwanderungssystem „neu gründen“ will. Macron kündigte das Anfang September in einer wenig beachteten Rede vor Präfekten und Polizisten an. Das System à la Macron sieht wenig Visionäres vor, allerdings könnte es zu einem massenhaften Abschiebeprogramm für illegale afrikanische Flüchtlinge und abgelehnte Asylbewerber führen.
Die Franzosen nannten sie lange Zeit „Leute ohne Papiere“ oder „heimliche Einwanderer“ – was eher wohlwollend klang. Und so schätzen Experten die Zahl der illegal in Frankreich lebenden Ausländer inzwischen auf bis zu eine halbe Million Menschen. Darunter befinden sich etwa hunderttausend abgelehnte Asylbewerber, die nach langen Verfahren in 90 Prozent der Fälle nicht ausgewiesen werden. Oft haben sie aber in der Zwischenzeit, was nicht selten mehr als zwei Jahre bedeutet, in Frankreich Fuß gefasst und eine Arbeit gefunden. Die lokalen Behörden drücken in solchen Fällen ein Auge zu und lassen die Asylbewerber gewähren, bis ein jahrelanger Aufenthalt ihnen schließlich das Bleiberecht gewährt.