Von Regina Kerner
Die Geschichte einer monatelangen Flucht: Wie sich Simon aus Eritrea bis nach Mailand durchschlägt.
Der auffallend magere, dunkelhäutige Mann im Zweite-Klasse-Abteil des Hochgeschwindigkeitszugs „Frecciarossa“ von Neapel nach Mailand schaut erschrocken hoch. Ich bin in Rom zugestiegen, mein reservierter Platz ist neben ihm am Fenster. Eilig räumt er sein Gepäck vom Sitz, einen halbleeren kleinen Rucksack und eine Plastiktüte mit Wasserflasche und Tupperdose. Er versucht selbstbewusst zu gucken, aber in den geröteten müden Augen scheint die Unsicherheit durch. Als ich neben ihm sitze, legt er sich rasch seine dünne Sportjacke aus Polyester auf den Schoß und versteckt seine Hände darunter. Die vielen kleinen Geschwüre habe ich aber schon gesehen.