Quelle: Spiegel Online
Italiens Süden ist mit der Ankunft Tausender Flüchtlinge völlig überfordert – doch einiges funktioniert auch gut: Besuch in einem Heim, in dem Betreuer wirklich Zeit und Bewohner wirklich Hoffnung haben.
Aus Aci Sant’Antonio berichten Peter Maxwill und Valentino Bellini (Fotos)
Fred weint. Jede Erinnerung, so scheint es, durchschüttelt seine Seele, der muskulöse 30-Jährige zittert am ganzen Körper. Und es sind viele Erinnerungen, von denen er erzählen kann. „Meine Flucht war total schrecklich, vor allem in Libyen“, sagt der Nigerianer, „keiner meiner Freunde hat überlebt.“ Eine Psychologin und zwei Betreuer stehen um ihn herum und nicken, er lehnt sich an eine vergilbte Wand und lässt die Tränen laufen.
Die Geschichte von Freds Flucht nach Europa begann vor zwei Jahren und drei Monaten. Er erzählt vom Mordanschlag einer Miliz auf seinen Vater, von seinen Kindern in Nigeria, vom Sterben auf dem Mittelmeer. Heute geht es ihm so gut wie nur wenigen Flüchtlingen in Sizilien: Während andere in überfüllten Erstaufnahmezentren oder auf der Straße leben, ist er einer von derzeit 28 Bewohnern der sogenannten Casa dei Giovani.
Das Haus, ein früheres Jugendheim der katholischen Kirche, liegt im eng bebauten Städtchen Aci Sant’Antonio direkt unter dem Ätna. Hier leben ausschließlich erwachsene Männer – für Frauen, Familien oder Minderjährige gibt es eigene Einrichtungen. In der Casa dei Giovani finden Muslime einen Gebetsraum, den Bewohnern steht ein großer Hof sowie ein Team aus Psychologen, Kulturvermittlern und Sozialarbeitern zur Verfügung.
Im Hochparterre des Heims sitzt Chiara Rondine in ihrem schmalen Büro mit Kollegen zusammen. Die junge Frau, dunkle Haare und schwarz umrandete Brille, stützt die Arme auf, lächelt: „Wer hierher kommt, kann sich glücklich schätzen“, sagt sie. „In der Realität ist es ja so, dass viele erst nach mehr als einem Jahr in so eine Einrichtung kommen.“ Dabei misst das italienische Asylsystem gerade solch kleinen Heimen eine große Bedeutung zu: „Wir sollen die Flüchtlinge hier auf lokaler Ebene integrieren“, sagt Rondine, „wir sind die Verbindungsstelle zur Gesellschaft.“
In Aci Sant’Antonio gelingt das vergleichsweise gut. Im Wohnzimmer des klosterähnlichen Anwesens liegen drei junge Männer auf der Couch und sehen fern, im Hof sonnen sich zwei weitere. Die meisten von ihnen sind seit mindestens eineinhalb Jahren in Italien und haben einen Großteil des Parforceritts durch die sizilianische Bürokratie hinter sich gebracht: Viele der Männer verfügen über einen Aufenthaltstitel, sprechen fließend Italienisch, dürfen arbeiten. Zudem sei die Bevölkerung in kleinen Städten wie Aci Sant’Antonio aufgeschlossener als etwa im 15 Kilometer entfernten Catania, sagt Rondine.
„Sie sollen hier alle Kompetenzen erlernen, die sie brauchen, um einen Arbeitsplatz zu finden“, sagt Heimleiterin Rondine. Sie und ihre Kollegen vermittelten den Flüchtlingen Ausbildungsplätze in Fahrschulen, Sprachkurse an Schulen, Praktikumsplätze in örtlichen Betrieben. „Wer einmal ein Praktikum gemacht hat, hat viel größere Chancen auf einen richtigen Job“, sagt Rondine. Aber natürlich gebe es auch Probleme: Viele hätten auch nach etlichen Monaten keine Arbeitserlaubnis, außerdem seien fast alle traumatisiert.
Niemand in dem Haus weiß das so gut wie Piera Rossi, die sich gerade im Innenhof mit dem 37-jährigen Malier Bakary unterhält. Zwei Mal pro Woche kommt die Psychologin in die Casa dei Giovani, um die Flüchtlinge psychologisch zu betreuen. „Wir müssen damit umgehen, dass sie Folter und traumatische Erlebnisse während ihrer Flucht erlebt haben“, sagt die 46-Jährige über ihre Arbeit. Daher bräuchten viele eine enge Begleitung bei der Bewältigung des Flüchtlingsalltags, vor allem das oft jahrelange Warten auf Entscheidungen der Behörden sei zermürbend.
Aci Sant’Antonio ist einer der Orte, die im sizilianischen Flüchtlingschaos Hoffnung machen: Flüchtlinge, die Arbeit finden und die Landessprache lernen. Betreuer, die sich um die Probleme der Neuankömmlinge tatsächlich kümmern können. Und eine Gemeinschaft, an der sich ganz Europa ein Vorbild nehmen könnte: In der Casa dei Giovani leben Teenager und 60-Jährige, Christen und Muslime, Pakistaner, Senegalesen und Ukrainer.
Rondine hat ihr Büro inzwischen verlassen und macht einen Rundgang durch das Heim. Zufrieden schaut sie auf die Männer, die sich auf den Sofas im Wohnzimmer lümmeln, macht dann aber ein ernstes Gesicht: „In diesem Sommer wird es schlimm, in Sizilien werden Tausende ankommen“, sagt sie. In der Casa dei Giovani gebe es aber nur noch ein einziges freies Bett, und so sehe es in vielen Unterkünften aus: „Die Erstaufnahmezentren werden wohl überquellen.“ (Lesen Sie dazu Kapitel 2 dieser Reportage).
Flüchtlinge wie Fred können diese Probleme endlich hinter sich lassen. Er lacht inzwischen wieder, er sitzt bei seinen Mitbewohnern im Wohnzimmer auf der Couch. „Ich bin den Italienern unfassbar dankbar für alles“, sagt er. „Jetzt will ich einfach nur noch ein normales Leben führen. So wie alle Menschen.“