Quelle: Stuttgarter Zeitung
Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge
Vom 4. auf den 5. September 2015 entscheidet Kanzlerin Angela Merkel, Flüchtlinge aus Ungarn über Österreich nach Deutschland einreisen zu lassen. Aus der Ausnahme für wenige in einer Notsituation wurde eine Massenwanderung. Ein Protokoll der entscheidenden Nacht – und die Folgen.
Berlin – Das Bundeskanzleramt ist verwaist, als die wichtigste Entscheidung der jüngeren deutschen Geschichte fällt. Nur im Lagezentrum, einer Art Edeltelefonzentrale, tun ein paar Mitarbeiter an diesem Freitagabend Dienst, alle Entscheidungsträger sind ausgeflogen. Hausherrin Angela Merkel ist unterwegs im nordrhein-westfälischen Kommunalwahlkampf, ihr Kanzleramtschef Peter Altmaier reist an den Genfer See, wo er am nächsten Tag vor einem deutsch-französischen Wirtschaftsforum sprechen soll. Und auch die für die Flüchtlingsfrage wichtigsten Minister sind unpässlich: Außenamtschef Frank-Walter Steinmeier trifft seine Kollegen in Luxemburg, und Innenminister Thomas de Maizière hütet mit knapp 40 Grad Fieber das Bett. Vielleicht hat es nie zuvor einen Beschluss dieser Bedeutung gegeben, der ausschließlich in Handygesprächen ausgehandelt wurde.