Der Titel dieser Kurzbesprechung beleuchtet nur einen Teil des Buchs von Insa Meinen und Ahlrich Meyer, das hier vorgestellt werden soll. Der Titel lautet „Verfolgt von Land zu Land. Jüdische Flüchtlinge in Westeuropa 1938 – 1944.“
Das Buch beruht auf umfangreichen Archivstudien in den Niederlanden, Belgien und Frankreich. Die in den Archiven ermittelten Daten, überwiegend „Judenregister“, Listen der Lagerverwaltungen und der Transporte, werden in zweierlei Weise bearbeitet: zum einen werden aus den Daten individuelle Geschichten von Fluchten und Fluchtversuchen rekonstruiert, dramatische Einzelschicksale, die letztlich doch fast alle in den Transporten nach Auschwitz enden. Wem die Flucht gelang, erscheint nicht auf den Listen. Zum anderen wird aus dem digitalen Abgleich dieser Archivbestände ein Forschungsansatz entwickelt, der nicht nur zu einer besseren quantitativen Abschätzung der beschrieben Flüchtlingsbewegungen führt – das mag etwas für Spezialisten sein. Sondern die Aufbereitung der Daten dient auch den Fragen: Wer waren die Flüchtlinge, Wer blieb zurück, Wie hoch ist die Dunkelziffer derer, deren Flucht erfolgreich war und nicht in den Transporten endeten? Wie sah die Landkarte der Fluchten aus?
Die Deutschen, auch in der nächsten Generation noch, stehen in der Pflicht, ihr Denken und Handeln auf dem Hintergrund des Holocaust zu reflektieren. Die aktuellen Bezüge des Buchs stehen zwischen den Zeilen, aber sie sind eindringlich für diejenigen, die sich mit der Flüchtlingsrealität heutzutage auseinandersetzen. Die Menschen in Syrien und die Migrantinnen, die das Mittelmeer zu überkreuzen versuchen, befinden sich in einer Bedrängnis, die der Schoah in ihrer systematischen Gnadenlosigkeit nicht vergleichbar ist. Aber in der Verzweiflung dieser Menschen spiegelt sich die Ausweglosigkeit der Juden in Westeuropa.