27. September 2016 · Kommentare deaktiviert für Flüchtlinge: „Sie küssten den Sand“ · Kategorien: Griechenland · Tags: ,

Quelle: Zeit Online

Viele Nächte suchte der Fischer George Mavrapidis im Meer nach Flüchtlingen und rettete unzählige. Dabei musste er aufpassen, selbst keines ihrer Boote zu versenken.

Interview: Kostas Koukoumakas, Lesbos

Der Ort Skala Sykamias in Norden von Lesbos ist für Hunderttausende Menschen das erste Stück Europa gewesen, das sie erreicht haben. Die Fischer des Ortes wurden im vergangenen Winter zu Seenotrettern. Einer von ihnen ist George Mavrapidis.

ZEIT ONLINE: Herr Mavrapidis, wie betrifft das Flüchtlingsthema Ihr Dorf?

George Mavrapidis: Ich bin 64 Jahre alt und ich erinnere mich noch, wie es war, auf dem Meer groß zu werden. Die Flüchtlingskrise ist wie eine Schlacht auf dem Meer. An manchen Tagen kamen mehr als 50 Boote in Skala Sykamias an. Familien, schwangere Frauen, Kinder, alte Menschen drängten sich an Bord der überladenen Schiffe. Sie haben den Sandstrand geküsst, als sie das Land erreichten.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie sich entschieden, diesen Menschen zu helfen?

Mavrapidis: Ich konnte nicht anders. Es ging um menschliche Not. Alle Dorfbewohner von Skala Sykamias haben versucht, zu helfen. Alle Fischer haben ihre Alltagsroutine geändert, um Flüchtlinge zu retten. Ich habe schreckliche Dinge gesehen.

ZEIT ONLINE: War das nicht riskant?

Mavrapidis: Ja, vor allem nachts. Im Meer treibende Boote haben keine Navigationslichter, ich hatte Angst vor Zusammenstößen, ich wollte sie nicht versenken. Wir konnten Motorengeräusche hören, die vom Meer kamen, aber wir sahen im Dunkeln die Boote nicht. Treibende Boote sinken nicht sehr schnell. Ich habe oft Menschen im kalten Wasser gefunden, die sich an gekenterten Booten festhielten.

ZEIT ONLINE: Wie viele Menschen haben Sie gerettet?

Mavrapidis: Ich kann keine realistische Zahl schätzen. Aber es war eine tägliche Routine von September 2015 bis letzten März, als der Flüchtlingsdeal zwischen EU und Türkei unterschrieben wurde. Sie können selbst schätzen: Auf jedem Boot waren 50 bis 60 Personen. Es war eine menschliche Pflicht für mich und für jeden, ihnen zu helfen.

ZEIT ONLINE: Was war die schlimmste Szene, die Sie erlebt haben?

Mavrapidis: Die Ertrunkenen. Da war ein Schiffswrack an einem Strand, nicht weit von hier, in der Nähe des Dorfes, und wir sind hin, um zu helfen. Die Regierung sagte, 30 bis 40 Menschen seien ertrunken, aber wer weiß das schon, es könnten mehr gewesen sein. In einer anderen kalten Nacht fanden wir Menschen im Wasser, unter ihnen eine Frau. Der Mann meiner Tochter sprang ins Meer, um zu ihr zu schwimmen. Da begannen die anderen Männer im Wasser, die Frau nach hinten zu drängen, um zuerst gerettet zu werden. In solch unmenschlichen Situationen werden Menschen manchmal selbst unmenschlich.

ZEIT ONLINE: Waren auch Schmuggler unter den Menschen, die Sie retteten?

Mavrapidis: Ich habe einmal einen Mann gerettet, der sofort begann, mit seinem Handy zu telefonieren, als er auf meinem Boot war. Aber wer weiß, ob er deswegen ein Schmuggler war. Meistens bitten Schmuggler die Flüchtlinge, die in Boote klettern, ihre Ware mit nach Griechenland zu nehmen, und bleiben selbst an der türkischen Küste zurück.

ZEIT ONLINE: Ist die Situation inzwischen besser?

Mavrapidis: Ja, seit letztem März hat der Strom nachgelassen. Dennoch, die Menschen, die schon da sind, hängen in Hotspots fest. Das ist eine zweite Tragödie. Es sind etwa 4.000 Menschen in Moria, das aber für nur 1.000 gebaut wurde.

Aus dem Englischen von Jakob Pontius

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