20. September 2016 · Kommentare deaktiviert für „Griechenland: Die dunkle Seite des Flüchtlingsdeals“ · Kategorien: Griechenland · Tags:

Quelle: Süddeutsche Zeitung

Auf Lesbos sitzen Tausende Migranten fest. Ihr Frust im Lager Moria schlägt in verzweifelte Wut um. Der Bürgermeister sieht seine Insel vor dem Zerreißen.

Von Mike Szymanski, Istanbul

Es geht hier nicht um das kleine Dorf auf Lesbos mit den engen Straßen. Es geht um Moria, die vorläufige Endstation. Nach außen ist das Lager durch meterhohe Betonwälle geschützt. Drinnen ist Moria ein Provisorium mit Plastikhütten in Schnellbauweise, Zelten und Bürocontainern. Der Stacheldraht weckt den Eindruck: Das ist eher ein Gefängnis.

Jetzt ist Moria abgebrannt. Moria auf Lesbos hatte mal den Namen „Hotspot“, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Spätherbst 2015 sollte es als Willkommens-Center fungieren. Flüchtlinge, die über die Türkei kamen, warteten hier auf ihre Papiere – und die Weiterreise aufs europäische Festland. Dann kam der Flüchtlingsdeal zwischen der Europäischen Union und der Türkei, aus Moria wurde eine Art Abschiebegefängnis für jene, die nach dem Stichtag im März die griechische Insel noch erreichten. Europa hatte seine Grenzen dichtgemacht. Und von Moria aus ging es für Flüchtlinge fortan nirgendwo mehr hin. In der Nacht zu Dienstag hat sich diese gefühlte Ausweglosigkeit in schweren Unruhen entladen.

Allein das Gerücht, jetzt werde abgeschoben, löste Angst aus. Etwa 300 Flüchtlingen gelang es, aus der Anlage zu fliehen. Sie wollten ins Zentrum, nach Mytilini. Die Polizei griff sie auf und brachte sie zurück, danach erst eskalierte die Lage. Zunächst brannten Olivenhaine außerhalb der Anlage. Dann brannte es auch drinnen. Krawalle unter den Flüchtlingen führten dazu, dass die Feuerwehr Mühe hatte, das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Wer konnte, floh aus dem Lager: Alte, Kranke und Kinder versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Manche wollten zu Fuß nach Mytilini gelangen. Andere suchten Schutz im Wald.

Tags drauf wirkt auch Bürgermeister Spyros Galinos ungehalten. Er macht der Regierung in Athen schwere Vorwürfe. „Es war eine Frage der Zeit, bis das passiert“, sagt Galinos. Er habe gewarnt, dass die Lager überfüllt seien, die Insel an ihre Grenze stoße, aber passiert sei nichts. Und am Dienstag warnte er wieder. Die Stimmung sei „explosiv“, sagt er, „wenn die Situation nicht umgehend entschärft wird, werden wir sicher wieder neue, noch schlimmere Vorfälle erleben“. Am Dienstagmorgen nahm die griechische Polizei auf der Insel 18 Flüchtlinge und Migranten fest, Männer aus Afghanistan, Kamerun, Senegal und Syrien. Neun von ihnen stehen im Verdacht, das Feuer gelegt und die Krawalle angezettelt haben.

Auf Lesbos ist die Lage besonders prekär

Am Ende der Nacht waren 60 Prozent des Areals zerstört und 3000 bis 4000 Flüchtlinge ohne Dach über dem Kopf. Und Europa wurde schmerzhaft daran erinnert: Da ist ja noch ein Problem in Griechenland. In den Flammen von Moria zeigte sich, dass die Flüchtlingskrise noch lange nicht bewältigt ist, auch wenn in Notunterkünften in Deutschland inzwischen Betten frei bleiben.

Auf den griechischen Inseln ist die Lage weiter prekär, besonders auf Lesbos. Mehr als 13 000 Flüchtlinge sitzen auf der Insel nahe der türkischen Küste fest, ihre Zahl übertrifft die der Plätze in den Lagern bereits um 5700. Und täglich werden es mehr. Allein am vergangenen Wochenende schafften wieder 300 Flüchtlinge die gefährliche Überfahrt. Im Vergleich zur Hochphase der Krise, als Tausende Flüchtlinge ankamen, sind das nicht viele. Aber damals brachten Fähren die Migranten aufs Festland, jetzt müssen die meisten auf den Inseln bleiben. Sie stauen sich in den Lagern, weil die Behörden mit den Asylverfahren nicht hinterher kommen.

Bürgermeister Galinos hatte einst einen Traum

Bürgermeister Spyros Galinos ist ein gemütlicher E-Zigarettenraucher, der seit Monaten mitansehen muss, wie die Flüchtlingskrise seine kleine Ferieninsel zu zerreißen droht. Am Montag waren ein besonders finsterer Tag, denn die Brandstifter waren nicht nur im Lager unterwegs, sondern manche zündelten auch mit Worten. Mutmaßlich Rechtsextreme hatten eine Demonstration organisiert, um gegen die Flüchtlinge auf der Insel zu protestieren. 400 bis 500 Leute waren auf der Straße. Einige riefen, man solle die Flüchtlinge „ins Meer werfen“.

Galinos hatte einst einen Traum für seine Insel. Er wollte, dass sie die Krise mit Würde und Menschlichkeit bewältigt. Aber an diesem Montag geriet einfach alles außer Kontrolle, als im Lager Moria das Gerücht die Runde machte, Massenabschiebungen in die Türkei stünden bevor. Bisher musste noch so gut wie keiner zurück, der nicht wollte. Die griechischen Asylsachverständigen weigern sich, die Türkei als sicheren Drittstaat anzuerkennen. Damit stockt das EU-Türkei-Abkommen in einem zentralen Punkt. Die angedrohte Zwangsrückführung fällt aus. Knapp 500 Flüchtlinge kehrten zwar zurück, aber nicht, weil sie abgeschoben wurden. Das heißt: Wer einen Asylantrag stellt, hat erst mal gute Chancen, in Griechenland bleiben zu können.

Athen schickt eine Notunterkunft – und mehr Polizisten

Das Abkommen verliert so aus Sicht der Flüchtlinge seinen Schrecken – es macht womöglich wieder Sinn, die gefährliche Überfahrt zu wagen. Dies mag ein Grund sein, warum im August die Zahl der Überfahrten erstmals wieder „spürbar“ gestiegen ist, wie die Grenzschutzagentur Frontex unlängst meldete. Sicher sind sich die Experten jedoch nicht, die Zahlen schwanken sehr.

Athen will nun mehr Polizisten schicken und ein Schiff, das übergangsweise als Notunterkunft dienen soll. Es hat Platz für mehr als 1000 Personen. Die Tage von Moria sind damit noch nicht gezählt.

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